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Die Zukunft des Buches und was Star Trek damit zu tun hat

  • 5. Januar 2015

Das Buch wird nicht, wie oft prophezeit, in naher Zukunft aussterben oder durch etwas anderes ersetzt werden. Bücher sind zäh und haben Kriege, Katastrophen, gesellschaftlichen Wandel, Monarchien, Diktaturen und vieles mehr stets unbeschadet überstanden. Tatsächlich hat sich über die Jahrhunderte das Buch nahezu nicht verändert. Selbst als Bücher digital wurden, gab es prinzipiell keinen großen Unterschied. Immer noch sind es Quadrate mit Text und ein paar Bildern und zum Umblättern wird über den Bildschirm gestrichen. Appels iBooks sehen sogar aus wie gedruckte Bücher und nicht wenig eBook-Anwendungen erzeugen beim Umblättern ein Raschel-Geräusch. Das Grundprinzip Buch ist selbst durch die Digitalisierung primär nicht verändert worden. Das ePub-Format begrenzt Bücher immer noch auf dieselbe Funktion, über welche 1500 Jahre alte Bücher ebenfalls verfügen. Das Buch ist ein passives Produkt ohne Interaktion und erzählt eine lineare Geschichte. Am Prinzip und Format Buch hat sich auch durch die eBooks nichts geändert. eBooks sind keine neue Erfindung, sie sind nur digital.

Print verliert an Emotionen

Das gedruckte Buch genießt ein hohes, emotionales Ansehen. Immer wieder wird in Umfragen und Gesprächen deutlich, dass Haptik und Look and Feel eines gedruckten Buches als unadaptierbares Alleinstellungsmerkmal angesehen wird. Doch was ist der Geruch und das Gefühl von Papier? Tatsache ist heute, dass das Papier der meisten gedruckten Bücher das günstigste verfügbare Papier aus Polen, Bulgarien oder China ist und der Geruch ist ein Chemie-Mischmasch, ebenfalls direkt aus einer chinesischen oder bulgarischen Industriehalle. Die Fakten sind also wesentlich weniger romantisch als oft die Beschreibung. Der Schlüssel zu den Emotionen liegt im Gehirn des Lesers. Es ist das Erinnern an das Lesen, das Verbinden einer positiven Erfahrung mit dem China-Papier und dem China-Geruch. Digitale Reader haben lang durch Umblätter-Sounds versucht, diese Emotionen im Hirn des Lesers auch digital zu stimulieren. Es ist nicht der Geruch oder das Gefühl von Papier was den Leser emotionalisiert, sondern die Verbindung dieser Sinneseindrücke mit der positiven Erfahrung des Lesens.

Tatsache jedoch ist, dass der Leser, insbesondere die nachkommende Generation, eine solche Emotionalisierung zum gedruckten Buch zunehmend weniger bis schließlich gar nicht mehr besitzen wird. Das Gehirn wird aufhören, Papier und Geruch mit dem Leseerlebnis zu verknüpfen. Dies ist die Grundvoraussetzung für den weiteren Erfolg für eBooks und ein Prozess, der über die nächsten zwei Generationen stattfinden wird, spätestens jedoch erfolgreich sein wird, wenn Jugendliche bereits im Kindergarten und der Schule aufhören, kiloweise Bücher in Ihren Schultaschen schleppen zu müssen und das Tablet zur Standart-Schulausrüstung gehören wird.

Argumente wie Akkulaufzeit, mobile Datenanbindung, ermüdendes Lesen durch Bildschirme sind ebenfalls nur temporäre Argumente. Durch die eInk-Technologie wurde eine Technologie gefunden, welche dem Lesen im Vergleich zu auf Papier gedruckten Inhalten in nichts nachsteht. Tablets, Smartphones, eReader werden zunehmend leichter, besser, flexibler, mobiler, kleiner und günstiger und so mehr und mehr fester Bestandteil unseres Alltags. Durch diese Entwicklung wird das gedruckte Buch, unabhängig, ob Sach- oder Fachbuch, Belletristik, Bildband oder Kinderbuch, mehr und mehr digital.

Vernetzte, interaktive Bücher

Die digitale Welt von heute und morgen ist sozial, direkt, vernetzt, verknüpft und formatunabhängig. Klassischer Buchinhalt ist dies nicht. Das Buch ist linear und passiv.

Der Weg zum interaktiven Buch bedeutet nicht, dass ein Buch künftig den Leser über den Ausgang einer Geschichte entscheiden lässt oder der Leser aktiv in das Geschehen, wie bei Dungeons & Dragons oder sonstigen Rollenspielen, eingreifen kann.

Die Geschichte eines Krimis ist linear. Bei einem Buch über Gartenarbeit oder einem Wanderführer macht Linearität jedoch wenig Sinn. Hier will der Leser gezielte Informationen über einen für ihn besonders interessanten Themenbereich. Vielleicht liest der Leser zuerst eine allgemeine Einführung, interessiert sich dann aber nur für einen kleinen Teil des restlichen Buches. Am Beispiel Garten kann es dann passieren, dass der Leser mehr über eine bestimmte Pflanzenart wissen möchte, die das Buch nicht liefern kann, weil es nur ein sehr allgemeines Gartenbuch ist, das mehr in die Breite und wenig in die Tiefe geht. Was wird der Leser tun? Er greift zum Tablet und öffnet Wikipedia, um dort effizient und trocken sich das Fachwissen, welches er sucht, zu finden. Was jedoch, wenn die Möglichkeit im Gartenbuch bestehen würde, einfach zu einem anderen Buch zu springen, welches sich genau, ausführlich und textlich gut lesbar aufbereitet über die Pflanzenart befasst? Dasselbe Modell ist denkbar für Fachbücher. Aktuelle Fachbücher haben einen riesigen Umfang, decken die Breite und Tiefe verschiedener Themenfelder ab und sind daher sehr teuer. Die Lösung, welche die digitale Welt hier liefern kann, ist ein allgemeines Fachbuch zu einem günstigen Grundpreis mit der Möglichkeit, einzelne vertiefende Kapitel separat und nur bei Bedarf zu erwerben.

Statt riesige Bücher zu verkaufen, würden Inhalte kleiner und fokussierter werden. Eine Art In-App-Verkäufe für Bücher. Doch dieses Prinzip kann nicht nur für Fachbücher funktionieren, sondern im besonderen Maße für Belletristik.

Das Star-Trek Universum

Es gibt zwischenzeitlich sechs Star Trek Serien im Fernsehen und zwölf Kinofilme sowie Animationsfilme. Das Star Trek-Universum besteht seit 1966. Zu den Bewegt-Bildern existieren seit 1968 mindestens 610 offiziell lizensierte Bücher, die seit 1994 mindestens 30 Millionen Mal verkauft wurden. Zu dieser Zahl gesellen sich Kurzgeschichten, und FanFiction-Bücher, welche nicht offiziell über Star Trek lizensiert wurden.

STO_timeline_2Alle Bücher, alle Filme bewegen sich innerhalb eines inhaltlichen Kontextes und einer inhaltlichen Zeitlinie mit stets den gleichen Personen mit denselben Eigenschaften und Ereignissen. Themen, gechichtliche Ereignisse oder Rassen, welche in den Filmen nur kurz erwähnt wurden, aber beispielsweise ein wichtiges, historisches Ereignisinnerhalb des Star Trek Universums darstellen, werden ausführlich in Büchern behandelt. Kurze, geraffte Szenen, zeitliche Sprünge, und Hintergundhandlungen werden von Fan-Fiction detailiert erklärt und interpretiert.

Gibt es im Kino nur den Bösewicht, gibt es weitere Literatur zu den Beweggründen der Person, seiner Geschichte, vielleicht sogar Geschichten über seinen Heimatplaneten und Ereignisse vor seinem Auftreten in der Zeitlinie.

zeitlinie

 

Das Star-Trek Universum ist aktuell eines der komplexesten weltweit und in sich geschlossenen und logischsten. Andere Beispiele sind ergänzende Literatur von verschiedenen Autoren zum Universum um Star Wars oder eher kleinere Universen wie das um Stargate. Dass solche Universen nicht auf den Science-Fiction-Bereich fixiert sind, zeigen die vielen weiterführenden Bücher, Geschichten und Erzählungen von Autoren und Fanfictions zu der Welt um Herr der Ringe. Hier gibt es eine komplette Subkultur, welche sich mit der Geschichte der Zwerge über viele Jahrhunderte inhaltlich befasst und so das Grundwerk von J. R. R. Tolkien erweitert und belebt.

Künftige Bücher könnten innerhalb ihrer Geschichte dem Leser ermöglichen, an Schnittpunkten des Romans zu entscheiden, ob sie der linearen Geschichte weiter oder zuerst einem anderen Handlungsstrang folgen möchten. Prominentes Beispiel ist bei Herr der Ringe die zeitliche Lücke in den Kinoverfilmungen von der Gefangennahme von Gollum durch Aragon. Diese Lücke ist zwischenzeitlich durch einen Fan-Fiction-Film mit hoher Professionalität gefüllt worden. Ähnliche Beispiele gibt es für die Star Wars Filme.

Lesen wird also zukünftig zu einer vernetzten Funktion. Durch die Möglichkeit, Inhalte und Handlungen miteinander zu verknüpfen, werden künftig vermehrt solche kurzen Zwischeninhalte zum Füllen oder Auslegen von bisherigen Handlungslücken oder ungezählter Geschichten und Ergänzungen, entstehen können. Durch die Möglichkeit des professionellen Selfpublishings bekommt der eher nach Hobby und oft abwertend verbundene Begriff Fan-Fiktion eine neue Dimension und vermag sich zwischen die offiziellen Chroniken einzureihen.

Wie sieht die Buch-Zukunft also aus?

Künftig hat der Leser die Wahl innerhalb von Büchern weitere Bücher zu kaufen und zu lesen und so eine interaktive Leseerfahrung, ganz nach seinen Interessen, zu erfahren um noch tiefer in die von Büchern geschaffenen Welten einzutauchen. Diese Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Büchern und Autoren zu einem Hauptthema, einem Buchuniversum fehlen heute noch, dennoch gibt es erste erfolgreiche Ansätze. J.K.Rowling, hat mit Ihren Harry Potter Büchern eine geschlossene Geschichte erzählt, belebt und vermarktet diese jedoch nun mit ihrer Webseite Pottermore.com, wo sie rund um die Harry-Potter-Welt eine Community aufbaut, mit dieser in Verbindung tritt und weitere Details und Hintergrundinformationen zur Geschichte bereitstellt. Pottermore ist damit der erste Schritt zu einem vernetzten interaktiven Erlebnis durch ein Buch.

Etwas an Büchern ändert sich jedoch auch in Zukunft nicht, nämlich, die Art. wie Bücher funktionieren. Bücher regen die Fantasie an und erschaffen Bilder in den Köpfen der Leser. Kein anderes Medium vermag Inhalt so zu präsentieren. Die Geschichte entsteht und handelt im Kopf des Lesers. Diese Technik ist zeitlos und beständig. Jedoch ist dies den Inhalten der Bücher geschuldet und nicht deren Aussehen, Wiedergabemedium, Geschmack oder Gefühl.

Bei der Zukunft des Buches geht es darum in den Köpfen der Leser Geschichten und Welten zu schaffen. Bücher inspirieren und verbinden. Bücher sind Inhalte. Autoren stehen heute völlig neue Werkzeuge zur Verfügung, diese Inhalte zu transportieren. Es bleibt jedoch am Autor, zu entscheiden, ob er so viel wie möglich dieser Werkzeuge oder so wenig wie nötig davon einsetzen möchte.


 

Dieser Beitrag basierend auf dem Inhalt und den Gedanken von Thomas Baekdal (Baekdal.com, 2012) zur Zukunft von Büchern


Text: Daniel Schneider



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