Fachartikel

Das VLB+ die neue Metadatenbank aus der Steinzeit

  • 30. Dezember 2014

Heute wollen wir uns mal die neusten bemühungen der Branche und insbesondere des MVB bezüglich des VLB+ anschauen. Dazu haben wir uns die Mühe gemacht und das vom MVB veröffentlichte Whitepaper zum Status Quo des VLB+ angeschaut und durchgearbeitet und uns die MVB-Broschüre zu gemüte geführt.

Das VLB möchte eine Datenbank von der Branche für die Branche werden und nennt sieht sich gerne als „Die Metadatenbank“. Doch beides scheint augenwischerei. Erstens werden kaum wirklich sinnvolle Metas außer die sich eigentlich aus logischem Menschenverstand aufdrängenden wichtigsten Eckpunkte erfasst, zweitens… wer ist denn „Die Branche“ eigentlich? In einer Zeit in der Selfpublisher die Bestseller-Listen im eBook-Sektor anführen sollte man doch meinen, dass Selfpublisher einen einfachen zugang in das VLB+ erhalten. Doch weit gefehlt… die „Branche“ kocht wieder ihre eigene Steinzeit-Suppe… ohne die Selbstverleger.

Wir haben uns ein paar Gedanken gemacht, wie das VLB+ wirklich sein müsste um tatsächlich „Die Metadatenbank“ für den Buchbereich zu werden.

Das VLB+ als Konkurenz zur Amazon-Datenbank

Ziel des VLB+ ist, die Datenerfassung und Ausgabe einheitlich und in hoher Qualität für jeden aus der Branche zugänglich zu gestalten. Das VLB+ soll so zur Universaldatenbank für die Buchbranche werden. Im Whitepaper wird dies beschrieben als Eine Metadatenbank von der Branche für die Branche[2]. Diese Aussage beschreibt den fundamental falschen Ansatz der Datenbank. Selfpublishing findet keinen direkten Weg in das VLB+. Hier bleibt nur der, vermutlich kostenpflichtige, Zugang über einen Distributor.

Lösung wäre eine Plattform oder Web-Input, über welche Selfpublisher Ihre Werke in das VLB+ direkt integrieren, sowie mögliche Bezugsquellen angeben können. Auch wenn der Buchhandel ggf. Produkte im VLB+ dann nicht anbieten kann, so würde zumindest das VLB+ dem Anspruch einer umfassenden Datenbank gerecht werden. Weiter müssen die Bewertungsfunktionen in bestehende soziale Plattformen integriert werden. So muss es möglich sein, über einschlägige Buch-Plattformen, wie beispielsweise LovelyBooks, Empfehlungen, Bewertungen und Rezensionen abgeben zu können.

Der Vorteil von Amazon liegt darin, eine umfassende Datenbank zu besitzen. In Amazons Datenbank sind sowohl die meisten Selfpublisher-Titel, als auch alle Titel, die in einer Buchhandlung, also bisher im VLB gelistet sind, vertreten. Das VLB+ muss hier ein, zumindest von seinen technischen Voraussetzungen, Kräftegleichgewicht herstellen. Daten innerhalb es VLB+ müssen ebenfalls als Gütesiegel für ein Buch fungieren, wobei nur der Name eines Autors oder die Zugehörigkeit zu einem Verlag nicht automatisch als Qualitätsmerkmal gewichtet werden darf. Hier könnte das Konzept des Lipper Rating für Bücher als Grundlage genommen, oder ein ähnlicher Ansatz verfolgt werden.

Als Fazit kann hier festgehalten werden, dass ohne die Integration von Selfpublishern und deren Produkte, auch ohne den Umweg über einen Distributor, das VLB+ nicht das gewünschte Ziel einer universellen und umfassenden Buchdatenbank erfüllt.

 Verkaufsempfehlungen

Für Buchhandlungen bewirbt der MVB das VLB+ mit der Funktion, anonym Daten über Verkäufe von Buchhandlungen zu sammeln und diese anderen Buchhändlern als Entscheidungsgrundlage anzubieten. Ebenso können Kunden Bewertungen schreiben.

Dieser Ansatz ist verständlich, aber nicht konsequent und zu stark rückständig gegenüber dem heutigen Stand der Technik. Wird das VLB+ auf einen solchen rudimentären Algorithmus beschränkt, ist eine wirkliche Innovation und Aussagekraft nicht gegeben.

Ohne Metadaten über einen Buchhändler, wie beispielsweise Zielgruppe, Altersdurchschnitt, Bildungsgrad der Region, lokale Besonderheiten, Einzugsgebiet, Mitbewerber und deren Eigenschaften sowie vieles mehr, ist eine Empfehlung kaum mit zutreffender Genauigkeit möglich. Ohne das Erstellen eines umfassenden Buchhändler-Profils, sind die aus der Buchhandlung gewonnenen Daten wenig aussagekräftig. Dasselbe gilt für das Erfassen von Bewertungen von Lesern. Hier müssen im Browser übergebene Cookies und Trackings ausgewertet werden und Zugang zu weiteren kundenrelevanten Daten erfolgen. Im Idealfall müssen APIs[3] geschaffen werden, über welche sich Benutzer mit ihrem bestehenden Google-Profil, Amazon-Profil oder aber Profilen von White-Label-Shops einloggen können. Weiter müssen Foren- und Communitys mit Zugangsbeschränkung übergeben und mit hinterlegt werden, über die weitere personenbezogene Daten gesammelt und gewonnen werden können,. Falls eine Kooperation mit den großen Playern wie Amazon, Google oder Facebook nicht gewünscht oder möglich ist, befinden sich Verlage aktuell in einer ausreichend einflussreichen Position, um personenbezogene Daten, Bestell-Historien, beispielsweise über die Tolino-Reader oder Kundendatenbanken aus Online-Shops usw., zusammenzustellen. Ebenfalls besitzen Verlagshäuser Anteile an sozialen Buchplattformen und Distributionsplattformen, über welche personenbezogene Daten gewonnen und ausgewertet werden können. Je mehr personenbezogene und historische Daten über einen Kunden vorliegen, umso besser können Bewertungen gewichtet und für relevante Empfehlungen genutzt werden. Auch hier muss gelten, dass die Funktionen von Amazon das Minimum der Funktionen des VLB+ bilden müssen, um nachhaltig erfolgreich im Wettbewerb bleiben zu können. Liegen Buchhändler- und Kunden-Profile vor, können gezielt treffende Empfehlungen für Buchhandlungen erstellt werden und Zielgruppen analysiert und mit einer höheren Beratungskompetenz und gezieltem Marketing bedient werden.

 Mehr Meta

Die Liste der möglichen Tags im VLB+ im Vergleich zu den bisherigen Leistungen des VLB sind enorm, dennoch muss das VLB+ zukünftig mit noch wesentlich mehr Daten versorgt werden können. Einige dieser Daten müssen sich dabei selbst generieren. Dazu gehört es auch, Algorithmen zu erstellen, welche Bücher, so möglich lesen, deren Lesbarkeit bewerten und eine durchschnittliche Lesezeit berechnen. Dies ermöglicht Buchhändlern eine Empfehlung auch für eine bestimmte Lesedauer auszusprechen. Dieses Beispiel steht exemplarisch für sich automatisch generierende Metadaten, die im VLB+ pro Buch oder eBook hinterlegt werden müssen.

Verlage sollten bereits bei der Bucherstellung Ihre Autoren in die Pflicht nehmen, Bücher mit Metadaten zu versehen. Dass dies erfolgreich ist, zeigen Beispiele aus der Fotografie. Hier geben einerseits die Fotografen bereits umfangreiche Metadaten ein, weiter werden automatisch Metadaten von der Kamera generiert und drittens werden intelligent Metadaten generiert, beispielsweise durch Gesichts- oder intelligente Objekt- oder Farberkennung. Workflows und Prozesse müssen für das VLB+ angepasst und deren Notwendigkeit kommuniziert werden.

Eingegebene Daten müssen zukunftssicher sein, dazu gehört, dass beispielsweise vom Verlag oder Autor hochgeladene Bilddaten in hoher Originalauflösung gespeichert und hinterlegt werden. Dies ermöglicht das automatisierte Erstellen von Werbematerial anhand der hinterlegten Daten für verschiedenste Medien und Anwendungszwecke. Weiter zählt hier dazu, dass eingegebene Daten plattform- und medienneutral sein müssen, der Upload von Factsheets muss entweder als XML-Datensatz oder als XML-interpretierbarer Datensatz erfolgen. Es ist nicht ausreichend, einfach nur Daten anzuhäufen, die Daten müssen semantisch vom System auswertbar sein.

Fazit VLB+

Das Projekt VLB+ ist, anders als oft verkauft, so wie es sich aktuell darstellt, keine große Sache, zumindest nicht hinsichtlich der technischen Umsetzung. Es handelt sich um eine relativ simple Datenbankstruktur, welche von gelernten Programmierern und Informatikern ohne große Forschungs- und Innovationsleistung zu einem vertretbaren Preis in relativ kurzer Zeit umgesetzt werden kann. Die Komplexität des VLB+ jedoch ist, die Akzeptanz des Systems innerhalb der Branche und einen ggf. auftretenden Mehraufwand bei der Datenerfassung, zu rechtfertigen. Weiter bedarf es, bei der Konzeptionierung viele Faktoren zu bedenken, um nicht bereits nach kurzer Zeit einen Nachfolger des VLB+ ausrufen zu müssen.

Das VLB+, wie es aktuell geplant ist, trägt in keinster Weise zu einer Demokratisierung des Buchmarktes bei und will dies augenscheinlich auch nicht. Das VLB+ hätte das Potential, durch Mitwirken der gesamten Branche eine Datenbank auf Augenhöhe zu Amazon zu erstellen und dem kleinen Buchhändler um die Ecke ungeahnte Beratungskompetenzen, Marketing-Tools und Effizient- und Effektivitätssteigerung in der Bespielung der Verkaufsräume und innerhalb von Bestellprozessen zu ermöglichen.

VLB+-Daten könnten noch viel mehr leisten. Ein Geschäfts- und Finanzierungsmodell für das VLB+ wäre, die Datenbank weiteren branchenfremden Händlern zu öffnen. So könnten Reisebüros künftig zielgerichtet zu den Reisezielen Empfehlungen für Bücher aussprechen und wo diese verfügbar oder beziehbar sind. Unter Umständen könnten die Bücher direkt mitbestellt und mit den Reiseunterlagen zugeschickt werden.

Nutzer könnten abfragen, in welcher Buchhandlung welche Bücher online sind. Findet die VLB+ Datenbank ihren Weg in mobile Apps, könnte ein Nutzer beim Passieren einer Buchhandlung anzeigen, welche für ihn interessanten Bücher dort vorrätig sind. Das VLB+ darf sich nicht davor scheuen, auch Amazon als Bezugsquelle mit einzubeziehen.

Eine VLB+ App für Endkunden könnte über das Cover eines Buches dies erkennen und sofort Zusatzinfos und Bezugsmöglichkeiten, sowie Bewertungen und Rezensionen einblenden. Sollte tatsächlich in einer nicht mehr fernen Zukunft ein gewisser Prozentteil der Bevölkerung Wearables wie Google-Glas[4] tragen, hätte man hier eine zukunftssichere und verwertbare Grundlage für solche Entwicklungen. Es darf nicht nur zwei bis drei Jahre im Voraus gedacht werden, sondern die Konzeptionierung des VLB+ muss sich zehn Jahre in die Zukunft denken.

Die Vision des VLB+ muss es sein, als Webseite oder App stellvertretend für eine Buchsuchmaschine für Endkunden zu fungieren, über welche diese alle Bücher finden und feststellen können, wo diese zu beziehen sind. Dies kann Amazon sein, der Onlineshop einer Buchhandlung, oder die nächstgelegene Buchhandlung. Für den User muss es aber attraktiver sein, im VLB+ zu suchen, statt wie bisher oft, auf Amazon. Dieses Ziel ist vielleicht nicht erreichbar, sollte jedoch als Vision dienen.

Zuletzt jedoch muss das VLB+ für die neuen Branchen-Teilnehmer geöffnet werden: die Selfpublisher, denn ohne diese, wird ein wichtiger und zukünftig noch stark wachsender Inhalts-Produzent außen vor gelassen, welche in der Lage ist, exzellente Metadaten durch die Verwendung von Autorensoftware oder Verlags-Ersatz-Plattformen für das VLB+ zu generieren.


 

[1] https://www.mvb-online.de/files/whitepaper_metadatenbank_vlb+.pdf und

http://info.vlb.de/files/whitepaper_metadatenbank.pdf, Whitepaper zum VLB+ abgerufen am 9.10.2014

[2] https://www.mvb-online.de/files/whitepaper_metadatenbank_vlb+.pdf Seite 4

[3] application programming interface – eine Schnittstelle

mehr Infos auf http://de.wikipedia.org/wiki/Programmierschnittstelle

[4] Google Glas ist eine Brille mit eingebautem Display und Kamera.


Text: Daniel Schneider



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