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Das Lipper-Rating für Bücher – ein neues Buch-Bewertungs-Konzept

  • 31. Dezember 2014

Viele Beispiele zeigen, dass auch Lektoren, Agenten und Scouts sich irren. So wurde Joanne K. Rowlings erster Harry-Potter-Roman Harry Potter und der Stein der Weisen von insgesamt 12 Verlagen abgelehnt. Bei George Orwells international bekanntem Roman Die Farm der Tiere kam der Lektor zu dem Schluss, dass sich „[…] Tiergeschichten nicht in den USA verkaufen“[1]. Margaret Mitchell bekam für Vom Winde verweht 38 Ablehnungen. William Golding´s Lord of the Flies wurde 20 Mal abgelehnt[2] Das Tagebuch der Anne Frank wurde von 15 Verlagen abgewiesen. [3]

Auch die Aussage, dass Verlage mit ihren Marken als Garant für inhaltliche oder literarische Qualität stehen, ist mit Vorsicht zu betrachten. Es gibt keine messbare Größe für Qualität. Qualität ist bei Literatur eine individuelle Komponente, über die der Leser für sich entscheidet. „Wenn absehbar ist, dass sich ein Titel gut verkauft, wird kaum ein Verlag ihn aus Qualitätsgründen ablehnen (siehe Shades of Gray).“[4]

Die Leser entscheiden

Ob ein eBook erfolgreich ist und sich am Markt behaupten kann, hängt heutzutage von zwei Faktoren ab: dem Preis und den Bewertungen auf populären Verkaufsplattformen. Beide Faktoren bedingen sich gegenseitig: durch einen attraktiven Preis wird die Downloadzahl und damit Leserzahl erhöht, diese Leser bewerten wiederum das Buch oder verfassen Rezensionen. Durch positive Bewertungen und Rezensionen werden wiederum neue potentielle Käufer ermutigt, das Buch zu kaufen. Durch die moderne Analysetechnik kann zusätzlich, beispielsweise beim Kindle, erfasst werden, ob und wieviel ein Leser in einem Buch gelesen und ob er beispielsweise das Lesen an einer bestimmten Stelle abgebrochen hat. Durch die Analyse des individuellen Leseverhaltens können weitere Rückschlüsse über ein Buch und dessen Qualität erschlossen werden. Ein Beispiel wäre, Bücher, welche von den meisten Lesern komplett in kurzer Zeit durchgelesen werden, bei der Positionierung in Online-Shops aktiver zu bewerben, denn diese Bücher haben das inhaltliche Potential für Bestseller. Auch Empfehlungen von Buch-Communitys wie LovelyBooks können Einfluss auf das Qualitätsranking eines Buches nehmen. Existieren von eBooks auch gedruckte Varianten, gelten die gleichen Qualitätsmerkmale des eBooks auch für das gedruckte Exemplar.

Bildung eines Qualitäts-Rating

Ein Qualitätsranking für ein Buch setzt sich daher aus verschiedenen Einzelfaktoren zusammen:

  • Leseverhalten der Leser beim eBook
  • Bewertungen auf Online-Portalen
  • Rezensionen auf Onlineportalen
  • Empfehlungen auf Buch-Communitys
  • Bewertungen von anerkannten Bloggern und Buchkritikern
  • Verkaufszahlen
  • Viralität, daher wie häufig findet ein Buch Erwähnung im sozialen Web, wie viele Fans hat der Autor oder die Buch-Seite auf Facebook und wie viele Visits die Buch-Webseite
  • Was ist gerade im Trend

Google-TrendsBesonders der letzte Punkt, was ist gerade im Trend, ist ein interessanter Ansatz. Google analysiert beispielsweise die Suchanfragen aller User. Google hat erkannt, dass die Häufigkeit bestimmter Suchbegriffe Anhaltspunkt für die Häufigkeit von Grippefällen sein kann. Diese Funktion von Google nennt sich Google Fluetrends[5] und warnt vor heranrollenden Grippewellen und gibt Grippe-Trend-Analysen für die einzelnen Bundesländer. Weiter kann Google über die eingegebenen Suchanfragen erkennen, welche Suchbegriffe aktuell besonders häufig eingegeben werden. Google nennt diese Funktion Google Top Trends. Für 2013 war zum Beispiel die am meisten gegoogelte Automarke BMW, und im Bereich Film war die Top1 Shades of Grey und Top 2 Die Tribute von Panem.[6]. Über die Erkunden-Funktion kann untersucht werden, wie die Suchanfragen in den letzten Jahren für bestimmte Worte waren. Zusätzlich schlüsselt Google das eingegebene Schlagwort noch in verschiedene Regionen auf und gibt eine Prognose für die kurzfristige künftige Entwicklung ab. Das Schlagwort Vampir zeigt die seit 2009 stark gestiegene Nachfrage nach dieser Thematik und das Interesse und prognostiziert so eine weitere Seitwärtsbewegung.

TrendsVampir

 

Durch solche Analysen können Genre-Trends oder Interessen für verschiedene Länder analysiert und prognostiziert werden. Behandelt also ein Buch ein aktuell besonders im Trend liegendes Genre oder Thema, kann das Ranking dadurch beeinflusst und erhöht werden. Fortan sind also nicht mehr menschliche Markt- und Trendbeobachter in Verlagshäusern die Entscheider darüber, was in oder out ist, sondern Algorithmen treffen künftig diese Entscheidungen und bevorzugen dadurch ein Buch mehr oder weniger.

Aus all den hier genannten Faktoren kann so eine Aussage über das Buch getroffen werden und gute und gutverkäufliche Bücher als solche identifiziert werden.

Lipper Rating für BücherLipper-Leader-Rating-VWO1

Auf dem Aktienmarkt an den Finanzbörsen gibt es zur Bewertung für Kursentwicklungen das Lipper Rating[7] Verfahren. Das Lipper Rating System dient Anlegern und Beratern als Hilfsmittel zur Entscheidungsfindung bei der Auswahl von Investmentfonds. Es nutzt anlegerorientierte Kriterien, um auf einfache Weise auf die Eigenschaften eines Fonds in bestimmten Bereichen, wie zum Beispiel Kapitalerhalt oder Vermögensbildung durch konsistente Erträge, hinzuweisen. Die Stärke des Lipper Leaders Ratings liegt darin, einzelne Lipper Leaders Bewertungskriterien entsprechend der Vorgaben des Anlegers mit anderen verknüpfen zu können.[8]

Ein Ansatz wäre das Lipper-Rating-System für den Buchmarkt zu adaptieren. Die vier Sentinels, welche als Grundlage für das Lipper-Rating basieren, könnten sich folgendermaßen zusammensetzen:

  • Trend
  • Inhalt
  • Popularität
  • Preis

Trend
Der Trend-Sentinel untersucht in Echtzeit drei Faktoren: Wie aktuell ist das Thema und Genre anhand von in Google eingegebenen zu dem Buch passenden Schlagworten. Wie hoch ist das aktuelle Kaufverhalten, daher die momentane Nachfrage zu dem Buch und wie hoch ist die aktuelle Präsenz im Web. Letztere zwei Zahlen könnten sich zum Beispiel auf die Verkäufe und Webaufrufe der letzten 30 Tage beziehen.

Inhalt
Der Inhalts-Sentinel setzt sich ebenfalls aus zwei Bewertungskriterien zusammen: Bewertungen welche über Verkaufsplattformen abgegeben wurden, sowie die Anzahl an markanten Leseabbrüchen von Lesern, die das Buch gekauft haben. Zusätzlich können noch automatisierte Stil- und Rechtschreibanalysen Einfluss auf den Inhalts-Sentinel haben.

Popularität
Der Begriff Popularität vergleicht die Verkaufszahlen über einen längeren Zeitraum und bestimmt so, wie bekannt ein Buch ist. Weiter steigt ein Buch in der Popularität je mehr exakte Treffer die Suche nach dem Buch im Web bringt. Der Begriff Popularität kann daher gleichgestellt mit Verbreitung werden. Als logische Konsequenz besitzen Neuerscheinungen dadurch zuerst einen deutlich niederen Popularitätswert als Bücher, welche bereits in mehreren Auflagen erschienen sind. Übersetzungen jedoch können einen vergleichsweise hohen Popularitätswert besitzen, da diese in anderen Ländern bereits eine hohe Verbreitung besitzen. Auch eine erhöhte Lesefrequenz, wenn ein Buch mehrfach gelesen wird, steigert den Popularitätsindikator.

Preis
Der Preis ergibt sich durch die Anzahl der Text- und Bildseiten in Bezug zum Buchpreis, welcher wiederrum in Relation zu dem aktuell am Markt herrschenden Durchschnittspreis von vergleichbaren Büchern und Inhalten gesetzt wird
Mit Hilfe dieser vier Sentinels können Bücher zum jeweils aktuellen Zeitpunkt eine für den Leser gut einschätzbare Entscheidungs- und Einordnungshilfe geben. Selbstverständlich können die jeweiligen Berechnungen der Einzel-Sentinels wesentlich komplexer als hier vorgestellt ausfallen, wichtig ist, dass diese vier Indikatoren dem Leser auf der aktuellen Markt Situation quasi in Echtzeit eine Rückmeldung und Orientierungshilfe über das Buch geben können. Die Indikatoren funktionieren sowohl für gedruckte als auch für digitale Bücher. Einzig die Rückmeldung über das Leseverhalten und Lesefrequenz fehlt bei gedruckten Exemplaren, hier können jedoch, so vorhanden, die Werte stellvertretend von den in den meisten Fällen auch digital vorhandenen Versionen benutzt werden. Wichtigstes Argument für das Lipper-Rating ist, dass dieses vollkommen automatisch ermittelt werden kann und nicht dem gezielten Einfluss von Redaktionen unterliegt. Zusatzinformationen wie Altersklasse und Anspruch des Buches kann jedoch auch über ein Lipper-Rating nicht oder nur bedingt geleistet werden.

Die besten 20% der Bücher in jeder Vergleichsgruppe erhalten die Bewertung 5 , die nächsten 20% werden mit 4 bewertet, die weiteren 20% sind mit 3 beurteilt, die folgenden 20% mit 2, die letzten 20% erhalten die 1.

Ein Buch mit einer Lipper-Wertung von beispielsweise 2435 deutet darauf hin, dass sich der Inhalt mit einer Thematik oder einem Genre befasst, der aktuell nicht durch Serien, Filme oder Nachrichten aktuell ist. Die inhaltliche 4 weist auf eine überdurchschnittlich gute Rückmeldung von Lesern hin. Die 3 im Preis zeigt, dass das Werk einen durchschnittlichen Preis belegt. Die 5 deutet darauf hin, dass das Werk, auch wenn Thema oder Genre aktuell nicht sehr im Trend liegt, eine hohe Verbreitung besitzt. Die 5 könnte daher ein Indikator für einen weit verbreiteten Klassiker sein.


 

[1] “It is impossible to sell animal stories in the USA”

[2] Darunter mit den Worten: „an absurd and uninteresting fantasy which was rubbish and dull”

[3] Quelle: http://www.textzicke.de/manuskript-abgelehnt-passiert-den-besten/ abgerufen am 2.10.2014

[4] (Die besten Bücher der Welt) – Matthias Matting im Interview

[5] http://www.google.org/flutrends/

[6] https://www.google.de/trends/topcharts

[7] Mehr Infos über Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Lipper


Text: Daniel Schneider



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